Wohnungen ausverkauft, bevor der erste Zug fährt: Japan zeigt, was Deutschland mit dem Transrapid verschenkt
In Nagoya sind Wohnungen am künftigen Magnetbahn-Bahnhof restlos ausverkauft, obwohl noch kein Zug fährt. Was Japan richtig macht und warum Deutschland seinen Transrapid verschenkt.
In Japan fährt noch kein einziger Fahrgast mit der Magnetbahn. Trotzdem reißen sich die Menschen dort schon heute um jede Wohnung am künftigen Bahnhof. Und Deutschland? Wir haben die Technik erfunden und reißen gerade unsere Versuchsanlage ab.

Die Westseite des Hauptbahnhofs von Nagoya war jahrzehntelang alles andere als eine Top-Adresse. Ein altes Viertel voller Großhändler, Parkplätze und in die Jahre gekommener Lagerhäuser, immer im Schatten der glänzenden Bürotürme auf der anderen Seite der Gleise. Investoren haben dort lange keinen zweiten Blick hingeworfen.
Dann kam die Magnetbahn. Unter dem Bahnhof entsteht in 30 Metern Tiefe die neue Station für den Chuo Shinkansen, die supraleitende Magnetbahn von JR Central. In rund 40 Minuten soll sie Nagoya mit Tokio verbinden. Fertig ist die Strecke noch lange nicht, Eröffnungstermin offen. Und trotzdem ist das Viertel plötzlich heiß begehrt.
Kurz erklärt: Der Chuo Shinkansen
Japans neue Magnetschwebebahn soll Tokio mit Nagoya und später mit Osaka verbinden. Supraleitende Magnete lassen den Zug rund 10 Zentimeter über dem Fahrweg schweben, der Antrieb steckt komplett in der Strecke. Im Regelbetrieb fährt er 500 km/h, bei Testfahrten waren es sogar 603 km/h, bis heute Weltrekord für Schienenfahrzeuge. Für die 286 Kilometer von Tokio nach Nagoya braucht er rund 40 Minuten statt heute etwa 90. Die Strecke verläuft größtenteils im Tunnel, unter anderem quer durch die Südalpen Japans. Ursprünglich sollte sie 2027 eröffnen, ein neuer Termin steht noch nicht fest.
Die neu gebauten Eigentumswohnungen waren sofort restlos ausverkauft. Der Grund ist kein Geheimnis: Die Käufer pokern darauf, dass sie mit der Magnetbahn künftig bequem nach Tokio pendeln können und ihre Wohnung dann ein Vielfaches wert ist. Grundstücksbesitzer haben ihre Flächen verkauft, weil sie mit einem Ansturm von Reisenden rechnen. Direkt am künftigen Bahnhof, eine Gehminute entfernt, soll jetzt ein Hotel mit 17 Stockwerken entstehen. Die Stadt hat dem Viertel sogar schon einen neuen Namen gegeben: „Linear Town“.
Man muss kein Prophet sein, um zu sagen: Ohne die Magnetbahn wäre hier nichts passiert. Kein Hotel, kein Bauboom, keine ausverkauften Wohnungen. Das alte Großhändlerviertel wäre geblieben, was es jahrzehntelang war. Allein das Versprechen eines Zuges, der noch gar nicht fährt, hat gereicht, um einen ganzen Stadtteil umzukrempeln.
Das ist die eigentliche Botschaft aus Japan. Eine Magnetbahn ist nicht einfach ein schnellerer Zug. Sie verändert, wie Menschen über Entfernung denken.
Wir messen Distanz in Kilometern. Das ist der Fehler.
Fragt man in Deutschland, wie weit Hamburg von Hannover entfernt ist, bekommt man meist eine Antwort in Kilometern. Rund 150. Das klingt nach einer anderen Region, nach einem anderen Arbeitsmarkt, nach einem Ort, an dem man vielleicht mal ein Wochenende verbringt, aber ganz sicher nicht täglich hinfährt.
Im Alltag zählen aber keine Kilometer. Es zählen Minuten. Wer morgens überlegt, ob er einen Job annimmt, eine Wohnung mietet oder ein Unternehmen ansiedelt, fragt nicht nach der Entfernung auf der Landkarte. Er fragt: Wie lange brauche ich?
Mit dem Transrapid wäre Hamburg von Hannover aus in rund einer halben Stunde erreichbar. Das ist weniger, als viele Hamburger heute für den Weg von einem Stadtteil in den anderen brauchen. Berlin und Hamburg lägen weniger als eine Stunde auseinander. Und in München war schon vor fast zwanzig Jahren geplant, den Flughafen in zehn Minuten an den Hauptbahnhof anzubinden. Das Projekt ist bekanntlich politisch gescheitert, nicht technisch.
Wenn Reisezeiten so schrumpfen, verschiebt sich das Denken. Aus zwei Städten wird ein gemeinsamer Lebensraum. Aus Konkurrenz wird Ergänzung.
Wie Regionen zusammenwachsen
Schauen wir ehrlich auf die Lage im Land. In Hamburg, München und Berlin finden Familien kaum noch bezahlbaren Wohnraum. Gleichzeitig stehen in vielen ländlichen Regionen Häuser leer, junge Leute ziehen weg und Betriebe finden keine Fachkräfte. Die Politik versucht seit Jahren, beide Probleme getrennt zu lösen. Mit Mietpreisbremsen in der Stadt und Förderprogrammen auf dem Land. Beides hat wenig gebracht.
Eine schnelle Verbindung löst beide Probleme gleichzeitig. Wer in einer halben Stunde im Zentrum einer Großstadt ist, kann dort arbeiten und trotzdem dort wohnen, wo Grundstücke noch bezahlbar sind und die Kinder draußen spielen können. Die Stadt wird entlastet, das Land wird belebt. Genau das sehen wir gerade in Nagoya: Plötzlich wird eine ganze Millionenstadt zum erweiterten Pendlergebiet von Tokio, und das gilt dort nicht als Bedrohung, sondern als Chance.
Übertragen auf Deutschland heißt das: Orte entlang einer Magnetbahnstrecke würden nicht mehr als „Provinz“ gelten, sondern als Teil einer großen Metropolregion. Der Bahnhof wird zum Mittelpunkt neuer Entwicklung. Hotels, Büros, Wohnungen, Handwerk und Gastronomie siedeln sich dort an, wo Menschen ankommen. Wer in Nagoya heute ein Grundstück am künftigen Bahnhof besitzt, weiß, was das wert ist.
Japan baut. Deutschland reißt ab.
Und hier wird es politisch, denn das alles ist keine Zukunftsmusik. Die Technik dafür hat Deutschland entwickelt. Der Transrapid war schon 1991 einsatzreif. Im Emsland stand die modernste Versuchsanlage der Welt, auf der Fahrzeuge mit über 400 km/h ihre Runden gedreht haben. In Shanghai fährt der Transrapid seit mehr als zwanzig Jahren im Alltag, zuverlässig und schnell.
Bei uns dagegen wurde jedes Projekt zerredet, bis es tot war. Hamburg und Berlin, abgesagt. Der Metrorapid im Ruhrgebiet, abgesagt. München, abgesagt. Und die Versuchsanlage im Emsland soll bis 2034 vollständig abgebaut werden. Ein Land, das sich gerne als Technologiestandort feiert, verschrottet seine eigene Spitzentechnologie, während Japan und China genau diese Idee weiterentwickeln und die Welt damit beeindrucken.
Das Problem war nie die Technik. Das Problem war und ist der fehlende politische Mut. Es ist bequemer, über Verspätungen der Bahn zu klagen und alte Strecken für Milliarden zu flicken, als einmal groß zu denken und etwas wirklich Neues zu bauen.
Distanz neu denken
Japan zeigt uns, dass eine Magnetbahn schon Jahre vor der Eröffnung Investitionen auslöst, Städte verändert und Menschen Mut macht. Das liegt nicht an der Technik allein, sondern an einer Entscheidung: Man hat beschlossen, dass Entfernung kein Schicksal ist.
Genau diese Entscheidung fehlt in Deutschland. Dabei hätten wir alles, was es braucht: das Wissen, die Ingenieure, die Unternehmen und eine Bevölkerung, die sich nach einer Verkehrspolitik sehnt, die endlich wieder funktioniert. Es fehlt nur der Wille, Distanz neu zu denken.
Ich bin überzeugt, dass dieser Moment kommt. Die Frage ist nur, ob wir ihn selbst gestalten oder ob wir in zwanzig Jahren nach Japan fliegen, um uns anzuschauen, was aus unserer eigenen Erfindung geworden ist.
Quellen: CBC Television, Nikkei, JR Central


